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7Mrz/12

Freie Software – Open Source, alles die gleiche Kiste?

Autor: Walter Güldenberg

Häufig werden die beiden Begriffe in einen Topf geworfen, als Umschreibungen für gleiche Sachverhalte angesehen. Dem ist jedoch bei näherer Betrachtung nicht so, bei der Beleuchtung der Hintergründe der Wurzeln der Begriffe nicht so.

Richard Stallman führt dazu aus: Wenn wir Software „frei“ nennen, verstehen wir darunter, dass sie wesentliche Freiheiten des Nutzers respektiert: Die Freiheit, sie zu untersuchen und zu ändern, und Kopien mit oder ohne Änderungen weiter zu verbreiten. Dies ist eine Frage der Freiheit, nicht des Preises, wie „freie Rede“, und nicht „Freibier“.

Schon in 1983 begannen die Aktivitäten der Freie-Software-Bewegung deren Ziel die Freiheiten der Nutzer ist. In 1984 startete die Entwicklung des freien Betriebssystem GNU. In den Folgejahren wurden die wesentlichen Komponenten entwickelt und unter der GNU General Public License (GNU GPL – eine Lizenz, speziell entworfen, um die Freiheiten aller Programmnutzer zu schützen) veröffentlich.

Nicht jeder Anwender und Entwickler konnte sich mit den Zielen und Idealen der Freien Software anfreunden. So erfolgte im Jahre 1988 eine Teilung in Freie-Software-Bewegung und in einen Zusammenschluss der sich Open Source nannte.

Der Begriff Open Source wurde bewußt gewählt um Verwechselungen mit Freie Software auszuschließen. Recht bald jedoch wurde er mit philosophischen Ansichten in Verbindung gebracht, die sich von denen der Freie-Software-Bewegung gänzlich unterscheiden.

Aus den Reihen der Open Source Befürworter wurde der Begriff als „Marketing-Kampagne für freie Software“ gedeutet. Es sollte Geschäftsleute und Unternehmen bewegt werden die Vorteile der Software zu nutzen ohne sich um Fragen von Recht und Unrecht kümmern zu müssen.

Ebenso gibt es in den Open Source Reihen Menschen die die ethischen und sozialen Werte der Freie-Software-Bewegung grundsätzlich ablehnen.

Schnell wurde der Begriff Open Source nur noch mit praktischen Werten verbunden, z.B. Herstellung, Besitz und Nutzung einer zuverlässigen und leistungsstarken Software.

Fast jede Open Source Software (kurz OSS) ist Freie Software. Durch beide Begriffe wird eine fast identische Softwarekategorie beschrieben. Doch stehen die Begriffe für gänzlich unterschiedliche Ansichten die auf verschiedenen Werten beruhen.

Open Source beschreibt eine Entwicklungsmethodik, Freie-Software sieht sich in einer ethischen Verpflichtung, die sagt: nur Freie-Software respektiert die Freiheit der Nutzer. Im Gegensatz dazu stehen bei der Open Source Philosophie die Fragen wie man Software verbessern kann (im praktischen Sinne) im Vordergrund. Diese Philosophie besagt, unfreie Software ist eine schlechtere Lösung im Gegensatz zum praktischen Nutzen. Die Freie-Software-Bewegung hingegen trift diese Aussage: unfreie Software ist ein soziales Problem und die Lösung ist die Nichtverwendung und der Umstieg auf Freie Software.

Freie Software. Open Source. Wenn es dieselbe Software ist, ist es wichtig, welchen Namen man verwendet? Hierzu hat die Freie-Software-Bewegung folgende Antwort: „Ja, denn verschiedene Wörter vermitteln unterschiedliche Vorstellungen. Zwar würde ein freies Programm unter irgendeinem anderen Namen Nutzern heute dieselbe Freiheit gewähren, der dauerhafte Erhalt aber vor allem davon abhängen, Menschen den Wert der Freiheit zu lehren. Wenn Sie daran mithelfen wollen, ist es von wesentlicher Bedeutung, von „Freie Software“ zu sprechen“.

Die Freie-Software-Bewegung sieht im Open-Source-Lager nicht den Feind, der Feind ist proprietäre (unfreie) Software. Die Freie-Sotware-Bewegung möchte den Menschen wissen lassen, dass sie für Freiheit steht, und nicht akzeptieren, fälschlicherweise als Open-Source-Anhänger gehalten wird.

Der Begriff 'Freie Software' wird häufig falsch interpretiert. Ein häufiges Missverständnis von Open Source ist der Gedanke, es würde „nicht die GNU GPL genutzt“. Dieser Gedanke wird von einem weiteren Missverständnis begleitet, Freie Software wäre „GPL-lizenzierte Software“. Beides ist falsch, da die GNU GPL als Open-Source-Lizenz gilt und sich die meisten der Open-Source-Lizenzen als Freie-Software-Lizenzen qualifizieren.

Wir sollten auch nicht vergessen, der Begriff Open Source wird durch seine Anwendung auf andere Umfelder, wie Regierung, Bildung und Wissenschaft gedehnt. Dort gibt es keinen Quellcode oder Kriterien für die Softwarelizenzierung relevant sind. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie irgendwie Menschen einlädt, daran teilzunehmen. Der Begriff ist dann so gedehnt das letztlich nur noch die Bedeutung „daran teilnehmen“ bleibt.

Die Freie-Software-Bewegung sagt:

Der Gedanke von Open Source ist, Benutzern das ändern und verteilen von Software zu erlauben, um sie leistungsfähiger und zuverlässiger zu machen. Aber das ist nicht garantiert. Entwickler proprietärer Software sind nicht notwendigerweise inkompetent. Manchmal stellen sie ein Programm her, das leistungsfähig und zuverlässig ist, obwohl es die Freiheit des Anwenders nicht respektiert. Freie-Software-Aktivisten und Open-Source-Enthusiasten reagieren darauf sehr unterschiedlich.

Ein reiner Open-Source-Enthusiast, der nicht von Idealen freier Software beeinflusst wurde, wird sagen: „Ich bin überrascht, dass Sie das Programm, ohne unsere Entwicklungsmethode zu benutzen, so gut machen konnten, aber haben es geschafft! Wie bekomme ich eine Kopie?“ Diese Einstellung belohnt Muster, die uns unsere Freiheit nehmen und zum Verlust führt.

Der Freie-Software-Aktivist wird sagen: „Ihr Programm ist sehr attraktiv, aber ich schätze meine Freiheit mehr. Also lehne ich Ihr Programm ab. Stattdessen werde ich ein Projekt unterstützen, um einen freien Ersatz zu entwickeln.“ Wenn wir unsere Freiheit wertschätzen, können wir diese durch unser Handeln erhalten und verteidigen.

Die Forderung nach leistungsstarker und zuverlässiger Software unterstellt die Annahme, die entwickelte Software wird dem Nutzer dienen. Ist sie zuverlässig und leistungsstark, dient sie dem Nutzer besser.

Software kann nur dann den Nutzern dienen wenn sie Freiheiten der Nutzer respektiert. Was, wenn leistungsfähige und zuverlässige Software nur dazu entwickelt wurde entwickelt wurde um Nutzern Ketten anzulegen?
Dann wäre Leistungsstärke nur enge Ketten anzulegen, und Zuverlässigkeit, dass sie schwieriger zu entfernen sind.
Bösartige Funktionen, wie das Ausspionieren und Beschränkungen des Nutzers, Hintertüren und erzwungene Aktualisierungen sind in proprietärer Software verbreitet, und einige Open-Source-Anhänger wollen hier gleichziehen.

Ich möchte an dieser Stelle das Thema 'DRM' (Digital Restrictions Management) anführen. Dieses System möchte ich als bösartige Software bezeichnen. Denn die Freiheit der Nutzer wird massiv beschnitten.

Hierzu gab es von Seiten der Open Source Vertreter folgenden Vorschlag:
„Quelloffene DRM“-Software erstellen. Die Idee dahinter, durch Veröffentlichung des Programmquellcodes den Zugriff auf verschlüsselte Medien zu beschränken und durch die Möglichkeit der Änderung leistungsstarke und zuverlässigere Software zu entwickeln. Die verbesserte Leistungsstärke und Zuverlässigkeit würden dann jedoch letztlich nur dazu dienen die Nutzer, leistungsstärker und zuverlässiger zu beschränken. Denn diese Software würde anschließend nur in Geräten ausgeliefert werden, die Nutzer nicht verändern können.

So wäre diese Software zwar formal quelloffen auch das Open-Source-Entwicklungsmodell kame zum Zuge, und trotzdem würde es sich nicht um Freie Software handeln, die Freiheit des Nutzers würde nicht respektiert. Wenn es dem Open-Source-Entwicklungsmodell denn dann gelingt, diese Software noch leistungsstärker und zuverlässiger zu machen würde es die Sache noch schlimmer machen.

Die Freie-Software-Bewegung sagt:

Fragen wie Freiheit anzusprechen, über Verantwortungen als auch über Bequemlichkeit zu sprechen, ist Menschen aufzufordern über Dinge nachzudenken, die sie vorzugsweise lieber ignorieren würden, bspw. ob ihr Verhalten ethisch vertretbar ist. Dies kann Unbehagen auslösen und manche Menschen verschließen lieber ihre Augen davor. Daraus folgt nicht, dass wir aufhören sollten, über diese Themen zu sprechen.

Dazu haben sich Open-Source-Befürworter allerdings entschlossen. Sie dachten, indem sie Ethik und Freiheit verschweigen und nur über die unmittelbaren praktischen Vorteile bestimmter freier Software sprechen, könnten sie bestimmten Nutzern, insbesondere Geschäftskunden, Software erfolgreicher „verkaufen“.

Dieser Ansatz hat sich bewährt, mit eigenen Bedingungen. Die Rhetorik von Open Source hat viele Firmen und Privatpersonen überzeugt, Freie Software zu nutzen und sogar zu entwickeln, die unsere Gemeinschaft erweitert hat – aber nur auf einer oberflächlichen, praktischen Ebene. Die Philosophie von Open Source mit ihren rein praktischen Werten verhindert das Verständnis tiefergehender Gedanken von freier Software; sie führt viele Menschen in unsere Gemeinschaft, aber lehrt nicht, sie zu verteidigen. Das ist gut so, so weit wie möglich, jedoch nicht genug, um unsere Freiheit zu sichern. Menschen für Freie Software zu interessieren führt sie nur ein Stück des Weges, um Verteidiger Ihrer eigenen Freiheit zu werden.
Früher oder später werden diese Anwender aufgefordert, wieder auf proprietäre Software umzusteigen. Zahlreiche Unternehmen bemühen sich, manche bieten sogar kostenlose (Programm-)Kopien an. Warum sollte der Endanwender ablehnen? Nur, wenn sie die Freiheit schätzen gelernt haben, die ihnen Freie Software gibt, Freiheit als solches mehr schätzen als technischen und praktischen Komfort. Um diese Idee zu verbreiten, müssen wir über Freiheit reden. Ein gewisses Maß des „Schweigens“ gegenüber Firmen kann für die Gemeinschaft nützlich sein, aber wird gefährlich, wenn das so normal wird, dass unsere Freiheitsliebe exzentrisch erscheint.
In genau dieser gefährlichen Situation befinden wir uns jetzt. Die meisten Menschen, die sich mit freier Software beschäftigen, insbesondere Distributoren, sprechen wenig über Freiheit – i. d. R. um von „Geschäftskunden akzeptiert“ zu werden. Beinahe alle Distributionen des GNU/Linux-Betriebssystems fügen dem freien Basissystem proprietäre Pakete hinzu und fordern Endanwender auf, diese als Vorteil und nicht Makel zu betrachten.
Proprietäre Add-On-Software und teilweise unfreie GNU/Linux-Distributionen finden fruchtbaren Boden, denn die Meisten unserer Gemeinschaft bestehen nicht auf Freiheit in ihrer Software. Das ist kein Zufall. Die meisten der GNU/Linux-Anwender lernen das System über
Open Source-Diskussionen kennen, in denen nicht die Rede von Freiheit das Ziel ist. Praktiken, die die Freiheit nicht aufrechterhalten wollen, und Worte, die nicht über Freiheit sprechen wollen, gehen Hand in Hand, jede fördert die andere Seite. Um diese Tendenz zu überwinden, müssen wir mehr über Freiheit reden – und nicht weniger.

Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen.

Quelle: gnu.org

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